Am 16.03.2026 veröffentlichte Reuters das Ergebnis einer monatelangen Recherche: Polizeiakten aus New York, eine Namensänderung, ukrainische Grenzprotokolle. Es ging nicht etwa um die Aufdeckung eines großen Korruptionsskandals oder eines Kriegsverbrechens oder Ähnlichem. Nein, es ging nur darum, dass sie rausfinden wollten, wer hinter dem Künstlernamen Banksy eigentlich steckt.

Die Begründung der Journalisten, die Anonymität eines Künstlers aufzuheben, liest sich, als ob sie Byung-Chul Han den Gefallen machen wollten, seine Thesen in "Transparenzgesellschaft" so gut wie möglich zu illustrieren:

"The people and institutions who seek to shape social and political discourse are subject to scrutiny, accountability, and, sometimes, unmasking. Banksy's anonymity -- a deliberate, public-facing, and profitable feature of his work -- has enabled him to operate without such transparency."

(Menschen und Institutionen, die den gesellschaftlichen und politischen Diskurs mitgestalten wollen, unterliegen der Kontrolle, der Rechenschaftspflicht und manchmal der Enttarnung. Banksys Anonymität -- ein bewusstes, öffentlichkeitswirksames und profitables Merkmal seines Werks -- hat es ihm ermöglicht, ohne eine solche Transparenz zu agieren.)

Als Begründung für die Anstrengungen, die die drei unternommen haben, reicht das wohl kaum. Es liest sich, als ob Banksy die Welt mit seiner Street-Art in Atem gehalten hätte. Es liest sich, als ob Banksy eine Bedrohung für mehr als für ein paar Hauswände gewesen wäre.

Aber vielleicht war er das doch. Denn wie sonst lässt sich dieser ganze Aufwand rechtfertigen?

Nicht mit den Ratten und den Mädchen mit Luftballons, das scheint klar zu sein. Die waren nie besonders radikal. Was radikal war, war die Weigerung. 25 Jahre lang einer der einflussreichsten Künstler der Gegenwart, millionenschwer, beliebter als Rembrandt in britischen Umfragen -- und niemand wusste, wer er ist. Keine Interviews, keine Talkshows, kein "Banksy x Nike". Die Kunst war längst Ware. Sotheby's, Christie's, Millionenbeträge. Aber der Künstler war es nicht.

Han beschreibt, warum genau das heutzutage unerträglich ist. Warum man das nicht einfach so sein lassen kann: "Der Imperativ der Transparenz verdächtigt alles, was sich nicht der Sichtbarkeit unterwirft. Darin besteht ihre Gewalt." Die Logik ist schlicht: Was ich nicht identifizieren kann, kann ich nicht kontrollieren. Und was sich der Kontrolle entzieht, ist verdächtig. Reuters formuliert es fast wörtlich so: Banksys Anonymität habe es ihm ermöglicht, "without such transparency" (ohne eine solche Transparenz) zu agieren. Als hätte er sich etwas erschlichen. Als wollte er mit was davongekommen. Aber womit er vielleicht wirklich davonkommen wollte, ist diesen Journalisten offensichtlich nicht klar.

Jean Baudrillard hat 1976 beschrieben, was an der Anonymität so bedrohlich ist. In "Der symbolische Tausch und der Tod" analysiert er die New Yorker Graffiti-Szene und stellt fest: Die Kraft der Graffiti lag nie in ihrem Inhalt. Sie hatten keinen. Sie setzten dem System Pseudonyme statt Namen entgegen, Unbestimmtheit statt Identität. Ihre Kraft, so Baudrillard, lag gerade darin, dass sie keinen Inhalt und keine Botschaft hatten. Die Leere selbst war die Stärke. Die New Yorker Behörden reagierten panisch. Nicht weil die Graffiti hässlich oder kriminell waren, sondern weil sie sie nicht einordnen konnten. Kein politischer Protest, den man beantworten - oder niederschlagen - könnte. Keine Kunst, die man ausstellen könnte. Keine Kriminalität im klassischen Sinn. Leere Zeichen, die das Zeichensystem selbst angriffen. Schon damals beschrieb Baudrillard, wie das System darauf reagierte: Der erste Schritt der Vereinnahmung bestand darin, es "Kunst" zu nennen -- und damit einzuordnen, was sich der Einordnung entzieht. Auch die Arbeiten von Banksy wurden von Anfang an als Kunst verstanden aber der "Künstler" fehlte. Die Leerstelle blieb. Die Bilder konnte das System schlucken und verarbeiten. Was es nicht verarbeiten konnte, war die Stelle, an der ein bürgerlicher Name hätte stehen sollen. Ohne diesen Namen bleibt die Ausbeutungskette unvollständig: kein autorisiertes Werkverzeichnis, keine Retrospektive mit dem Künstler als Zugpferd, keine Markenkooperation, kein Nachlass, keine Biografie. Alles war da. Nur der Bürger am Ende der Kette fehlte. Der, der das alles zusammenhält: Steuern, Haftung, Nachlass, Zurechenbarkeit, Verantwortlichkeit. Und solange der fehlte, blieb im Zentrum des Marktes ein Loch, das nicht hätte da sein dürfen.

Es gab noch eine weitere Bedrohung. Solange Banksy anonym blieb, war eine Möglichkeit offen, die in einer hyperindividualisierten Welt nicht vorgesehen ist: dass "Banksy" gar keine einzelne Person ist. Dass es ein Kollektiv ist. Mehrere Menschen, die zusammen produzieren, ohne dass einer den Ruhm für sich beansprucht.

Vielleicht rechtfertigt das die monatelange Recherche besser als jede Berufung auf Rechenschaftspflicht. Die Journalisten schreiben selbst: Wer den öffentlichen Diskurs beeinflusst, sollte enttarnt werden. Aber in diesem Satz stecken zwei Annahmen, die beide einem Hyperindividualismus dienen und die geschützt werden müssen.

Die erste: Alles muss individualisiert werden, um kontrolliert werden zu können. Einfluss braucht einen Absender. Ohne identifizierbares Individuum keine Zurechenbarkeit, keine Haftung, keine Verwertung. Dafür braucht es den bürgerlichen Einzelnen, auf den man das Kunstprojekt Banksy reduzieren kann.

Die zweite: Dass es Einzelne sind, die die Welt bewegen. Ein Name, ein Gesicht, eine Biografie, ein Genie. Ein anonymes Kollektiv, das wirksamer ist als die meisten Künstler mit Namen -- das stellt nicht nur die Verwertungskette in Frage, sondern das ganze Selbstverständnis. Die Enttarnung schließt diese Möglichkeit. Das Genie-Narrativ ist gerettet.

Und nebenbei auch das der drei Journalisten: Ihre Namen stehen jetzt über der Enthüllung. Drei Individuen, die monatelang recherchiert haben, um ein Individuum zu identifizieren. Dass ausgerechnet andere Street-Artists bei der Enttarnung kollaborierten, zeigt, wie tief der Hyperindividualismus sitzt. Auch sie können nicht akzeptieren, dass jemand ohne Namen wirksamer ist als sie mit. Das Spiel trägt sich durch die Individuen weiter.

Die Kunstwerke bleiben dieselben. Kein Strich hat sich verändert. Sie werden weiter fotografiert, weiter für Millionen versteigert. Nur steht jetzt vielleicht bald ein bürgerlicher Name im Auktionskatalog. Aber der Beweis ist weg -- dass man im Zentrum des Marktes existieren kann, ohne von ihm erfasst zu werden. Dass Einfluss ohne Identifizierbarkeit möglich ist. Vielleicht war genau das, das eigentliche Kunstwerk. Drei Journalisten haben einem Mann die Anonymität genommen, nur weil sie nicht verstehen können, dass man etwas Bedeutendes tun kann, ohne sich damit "einen Namen zu machen" müssen.